Auf einen Blick
Die von Präsident Tinubu eingeleiteten Reformen zur makroökonomischen Stabilisierung zeigen erste Wirkung, trotz anfänglicher Belastung.
Der Naira hat sich nach der Wechselkursliberalisierung stabilisiert, die Inflation beginnt zu sinken.
Finanzreformen sollen strukturelle Schwächen wie niedrige Steuereinnahmen beheben, doch bleiben erhebliche Lücken bestehen.
Sicherheitsrisiken, hohe Schuldendienstkosten und die anhaltende Abhängigkeit vom Öl halten Nigeria in der Kategorie „hohes Risiko“.
Pro
Bevölkerungsreichstes Land Afrikas
Erhebliche Öl- und Gasreserven
Enormes Potenzial in den Bereichen Landwirtschaft und Bergbau
Blühender Dienstleistungssektor in Lagos, z. B. Finanztechnologien, digitale Infrastruktur, Film usw.
Begrenzte Staatsverschuldung
Kontra
Hohe Abhängigkeit vom volatilen Kohlenwasserstoffsektor
Unzureichende Infrastruktur
Hohe Arbeitslosigkeit und steigende Armutsraten
Mehrere Brennpunkte gewalttätiger Konflikte
Staats- und Regierungsoberhaupt
Präsident Bola Ahmed Adekunle Tinubu
Bevölkerung
232,7 Millionen
BIP pro Kopf
1.250 USD
Einkommensgruppe
Niedrigeres mittleres Einkommen
Hauptexportgüter
Brennstoffe (57,6 % der Leistungsbilanzeinnahmen im Jahr 2024), private Transfers (25,9 %), Nahrungsmittel (3,9 %)
Präsident Tinubu setzt seine Agenda umfassender Reformen fort
Über viele Jahre führte Nigerias kostspieliger paralleler Devisenmarkt zu erheblichen Ineffizienzen und wahrgenommener Korruption, und untergrub strukturell das Vertrauen der Investoren. Zusammen mit anhaltend hoher Kapitalflucht, schwachen Investitionszuflüssen und Schocks auf dem Ölmarkt setzte dies die Liquidität dauerhaft unter Druck.
Gleichzeitig wuchsen die Sorgen um die Tragefähigkeit der öffentlichen Finanzen angesichts kostspieliger Kraftstoffsubventionen und äußerst begrenzter Steuereinnahmen. Nach seinem Amtsantritt im Mai 2023 startete Präsident Tinubu ein ehrgeiziges Reformprogramm zur Belebung der Wirtschaft und zur Anziehung von Investitionen. Die Vereinheitlichung der Wechselkurse und die Abschaffung der Kraftstoffsubventionen trafen große Teile der Bevölkerung hart. Die Liberalisierung des Naira führte zu einer drastischen Abwertung um rund 70 % gegenüber dem US-Dollar, wodurch sich das BIP Nigerias in US-Dollar gerechnet von 476 Mrd. USD im Jahr 2022 auf 188 Mrd. USD im Jahr 2024 mehr als halbierte, ebenso das Pro-Kopf-BIP.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten steigt die Armutsquote in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, getrieben von jahrelang zweistelliger Inflation. Nach der Liberalisierung des Naira stieg die Inflation 2023 sprunghaft auf 29 % (im Vergleich zum Vorjahr) und erreichte im November 2024 einen Höchststand von 34 %. Zusammen mit dem Wegfall der Kraftstoffsubventionen löste dies eine Krise der Lebenshaltungskosten und erhebliche soziale Spannungen aus. Nach der Anpassung der statistischen Berechnungsgrundlage sank die Inflation im Dezember 2024 deutlich und begann einen Abwärtstrend, der durch den Rückzug der Zentralbank von Nigeria (CBN) aus der Defizitfinanzierung gestützt wurde.
2025 fiel die Inflationsrate erstmals seit fast drei Jahren unter 20 %. Der IWF erwartet jedoch keinen Rückgang auf unter 10 % vor 2029. Im September 2025 senkte die CBN erstmals seit Jahren den Leitzins. Das Wirtschaftswachstum lag 2024 erneut über 4 %, für 2025 werden 3,9 % prognostiziert. Trotz der weiterhin starken Ölabhängigkeit wächst der Anteil der Nicht-Öl-Sektoren, insbesondere Fintech und Landwirtschaft, deutlich.
Wende bei den Finanzdefiziten?
Die Regierung Tinubu hält trotz Widerstand und Unzufriedenheit an ihrem Reformkurs fest, was seit 2025 zu Verbesserungen bei makroökonomischen und fiskalischen Kennzahlen führt.
Ein auffälliger Mangel in den öffentlichen Finanzen sind die geringen öffentlichen Einnahmen, die durch Korruption, Unterschlagung, sowie Diebstahl und illegale Bunkerung von Öl erheblich geschmälert werden. Diese strukturellen Probleme verursachen neben Einnahmeausfällen zudem ökologische Schäden und verschärfen die Unsicherheit in den Ölförderregionen. Das Verhältnis der öffentlichen Einnahmen zum BIP erreichte jahrelang kaum 6 %, und war damit eines der niedrigsten weltweit, und deutlich unter dem Durchschnitt von 18 % für Länder südlich der Sahara. Die jüngsten Steuerreformen dürften dazu beitragen, dieses Verhältnis 2025 auf etwa 10 % des BIP anzuheben, was für einen großen Ölexporteur immer noch ein sehr niedriges Niveau ist, aber dennoch einen entscheidenden Fortschritt darstellt.
Die Zinsbelastung des nigerianischen Staats ist hoch, mit einer Staatsverschuldung von 39 % des BIP im Jahr 2024 (2022: 30 %). Der Kreditplan von Präsident Tinubu erhöhte den Anteil der Auslandsverschuldung von einem Drittel der gesamten Staatsverschuldung im Jahr 2022 auf fast zwei Drittel im Jahr 2024, wodurch Nigeria Wechselkursschwankungen und volatilen Ölpreisen ausgesetzt ist. Ein weiteres bemerkenswertes finanzielles Risiko ist der historische Anstieg der Schulden staatlicher Unternehmen (SOEs), wobei genaue Zahlen fehlen. Eine umfassende Privatisierungsinitiative wurde angekündigt, um Eventualverbindlichkeiten zu reduzieren und die Effizienz der Unternehmen über alle Sektoren zu verbessern.
Devisenreserven erholen sich
Zwischen 2022 und 2024 hatte Nigeria mit einem anhaltenden Rückgang der Devisenreserven zu kämpfen, der auf Kapitalflucht, eine hohe Schuldendienstlast und sinkende Ölproduktion zurückzuführen war. Die Interventionen der CBN zur Stabilisierung des Naira setzten die Liquidität zusätzlich unter Druck. Nach der Umstellung auf einen kontrollierten Floating-Wechselkurs Mitte 2023 hielt der Druck angesichts der Unsicherheit zwar an, seit Anfang 2024 sind die Devisenreserven jedoch gestiegen, da die CBN ihre Interventionen reduziert hat. Zusätzlich unterstützt wird die Liquidität durch hohe Auslandskredite, einen vorübergehenden Anstieg der Öl- und Gasproduktion bei zugleich geringeren Kraftstoffimporten (Dangote-Raffinerie) sowie durch andere Importsubstitutionsmaßnahmen. Infolgedessen haben die Reserven laut CBN wieder mehr als 43 Milliarden US-Dollar erreicht, was einer Importdeckung von mehr als 6 Monaten entspricht.
Erhebliche Risiken halten den afrikanischen Riesen zurück
Trotz des enormen Potenzials der zweitgrößten Volkswirtschaft und des bevölkerungsreichsten Landes in Subsahara-Afrika bleibt Nigeria aufgrund struktureller Defizite in der Risikokategorie „hohes Risiko“. Die Sicherheitsrisiken sind erheblich: Dschihadistische Aktivitäten und Bandenkriminalität im Nordosten, interkommunale Gewalt zwischen (überwiegend christlichen) Viehzüchtern und (überwiegend muslimischen) Hirten um Landbesitz in den zentralen Regionen, sowie eine Rebellion geringer Intensität im ölproduzierenden Nigerdelta.
Zudem hat US-Präsident Donald Trump zuletzt Vorwürfe gegen die nigerianische Regierung erhoben, wegen des von ihm so genannten „Massakers an Christen durch Muslime” – was als eine gravierende und inkorrekte Vereinfachung der komplexen Konfliktsituation in Nigeria gilt. Seine Drohung einer militärischen Intervention der USA sorgte für ebenso viel Überraschung wie Besorgnis, und erhöht das Risiko eines externen Konflikts.
Sozioökonomisch belasten die hohen Lebenshaltungskosten das Land und erhöhen das Risiko für Proteste und Streiks. Darüber hinaus führt die Konzentration von Wohlstand und Fortschritt im Ballungsraum Lagos zu einer Entfremdung großer Teile des Landes, was die politische Instabilität weiter verschärfen könnte. Aufgrund dieser Faktoren stuft Credendo das Risiko politischer Gewalt in Nigeria in die hohe Kategorie 6/7 ein, was sich in der Bewertung des Gesamtrisikos niederschlägt.
Weitere große Risiken sind die Anfälligkeit Nigerias gegenüber der Volatilität des Ölsektors. Ein starker und anhaltender Rückgang der Ölpreise würde die Finanzlage Nigerias unmittelbar belasten, und der Rückgang der Öl- und Gasproduktion stellt ein erhebliches langfristiges Risiko dar. Darüber hinaus könnte die hohe Schuldenlast die jüngsten Fortschritte in Bezug auf die Liquidität gefährden, und ein plötzlicher Anstieg der globalen Zinssätze könnte den Druck durch den Auslandsschuldendienst erhöhen. Nigeria bleibt daher ein Markt mit erheblichen Risiken, besitzt jedoch zugleich ein enormes Potenzial. Die jüngsten Entwicklungen weisen auf ermutigende Fortschritte hin, ausgehend von der aktuellen Bewertung des mittel- und langfristigen politischen Risikos in Kategorie 6/7.
Analystin: Louise Van Cauwenbergh – l.vancauwenbergh@credendo.com
