Im letzten Monat beeinflussten sehr unterschiedliche Kräfte die Aktien- und Anleihemärkte. Die Anleiherenditen am kurzen Ende der Zinskurve sind aufgrund des Inflationsdrucks und einer restriktiveren Geldpolitik der Zentralbanken gestiegen, während die Renditen am langen Ende der Zinskurve aufgrund höherer Laufzeitprämien angesichts der Unsicherheit im Nahen Osten und anhaltend hoher Haushaltsdefizite zulegten. Aktien waren dagegen weniger stark vom Krieg betroffen. Die Märkte erholten sich von ihren Tiefstständen im März. Und das, obwohl die Rallye weitgehend von einigen wenigen Themen, wie Energie, Hyperscaler oder Speicherchips, und einer Handvoll Unternehmen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz und der Aussicht auf Produktivitätsgewinne getrieben wurde, die unserer Meinung nach erst langfristig eintreten werden.
Für uns signalisieren die unterschiedlichen Entwicklungen bei Anleihen und Aktien, wie schwierig es ist, die Auswirkungen der Transportbeeinträchtigungen durch die Straße von Hormus einzuschätzen. Sie unterstreichen die Unsicherheit hinsichtlich der Zweitrundeneffekte – der Übertragung der Krise von den Bereichen Energie und Logistik auf Inflation, Wachstum, Unternehmensmargen sowie das Vertrauen von Unternehmen und Verbrauchern.
Unser Basisszenario hat sich von einer harmlosen Konjunkturabkühlung zu einer Störung der Wirtschaft verschoben, mit niedrigeren Wachstumsprognosen für die großen Volkswirtschaften für 2026 und anhaltenden regionalen Unterschieden.
Europa und energieimportierende Schwellenländer sind stärker gefährdet. In der Eurozone können wir die Möglichkeit einer Stagnation in einigen Ländern in diesem Jahr nicht ausschließen, und wir sehen auch Risiken einer Wachstumsabschwächung in Teilen Südasiens. Die USA sind relativ abgeschirmt, aber über Finanz- und Vertrauenskanäle dennoch anfällig. Die Investitionsausgaben dürften das Wachstum stark stützen, vor allem in technologiebezogenen Bereichen (wenn auch nicht ausschließlich), und Steuersenkungen bieten den Unternehmen zudem einen leichten Puffer gegen geopolitische Risiken.
Die Auswirkungen des Energieschocks auf die Gesamtwirtschaft müssen wir angesichts höherer Inflationsrisiken genauer unter die Lupe nehmen. Es wird erwartet, dass die Gesamtinflation höher ausfällt, wobei die Kerninflation mit einer gewissen Verzögerung nachziehen wird, insbesondere dort, wo die Auswirkungen des Energieschocks, Lohneffekte und fiskalische Stützungsmaßnahmen stärker zum Tragen kommen. Das Hauptrisiko liegt nicht nur im ersten Energieschock selbst, sondern auch in dessen Dauer und den Zweitrundeneffekten. Nettoenergieimporteure in Europa und Asien sind hierfür besonders anfällig.
Die Berichtssaison der US-Unternehmen verstärkt das KI-Thema. Die Saison verlief dort insgesamt positiv und sogar außergewöhnlich gut. KI-bezogene Unternehmen haben hohe Gewinne gemeldet. Aber ein Großteil des Aufschwungs beruhte auf nicht realisierten Gewinnen aus privaten Investitionen. Diese Faktoren haben die Ergebnisse in diesem Quartal beflügelt. Doch es bleibt unklar, ob diese Investitionen die erwarteten langfristigen Renditen liefern werden, angesichts der Risiken im Zusammenhang mit technologischen Lücken, zunehmendem Wettbewerb aus China und Fragen der Cybersicherheit.
Generell ist es wichtig, den Schock im Nahen Osten nun als anhaltendes Risikoumfeld und nicht als vorübergehendes Ereignis zu betrachten. Die zentrale Frage für die Zukunft ist, ob der Schock beherrschbar bleibt oder sich zu einem makrofinanziellen Schock entwickelt. Daher bleibt die Unsicherheit hoch. Das zeigt die Notwendigkeit, die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Asset Allokation genau zu beobachten. Da Liquidität und Fundamentaldaten risikoreiche Anlagen derzeit stützen, behalten wir vorerst eine vorsichtige „Risk-on“-Haltung bei, jedoch mit stärkeren Absicherungsmaßnahmen.
Vor dem Hintergrund eines soliden Gewinnwachstums, begrenzter Spannungen und angemessener Marktliquidität bleiben wir leicht risikofreudig. Unsere Einschätzungen bezüglich der verschiedenen Anlageklassen sehen so aus:
Anleihen: Die Unsicherheit hinsichtlich einer entschlossenen, richtungsweisenden Durationspositionierung nimmt zu, weshalb wir selektiver vorgehen – Duration ist eine Maßzahl für die Zinssensitivität von Anleihen. Bei der US-Duration sind wir etwas vorsichtig geworden, da das Wachstum robust bleibt und fiskalische Risiken bestehen. In Europa machen ein schwächeres Wachstum und eine zurückhaltende EZB kurz- und mittelfristige Anleihen attraktiv, obwohl wir gegenüber dem langen Ende weiterhin vorsichtig sind. Hochwertige Unternehmensanleihen bieten nach wie vor attraktive Renditen. Wir sind nun leicht positiv gegenüber US-Investment-Grade-Anleihen eingestellt und weiterhin konstruktiv gegenüber Schwellenländeranleihen, insbesondere in Lateinamerika.
Aktien: Wir bevorzugen insgesamt eine ausgewogene Strategie und konzentrieren uns auf widerstandsfähige, nicht von Disruptionen betroffene Geschäftsmodelle sowie eine starke Bilanzstruktur. Wir bevorzugen weiterhin attraktive Titel in defensiven Sektoren wie Basiskonsumgütern und Pharma sowie hochwertige zyklische Titel in den Bereichen Industrie und Rohstoffe.
Anlageklassen-übergreifend: Im Multi-Asset-Bereich bleiben wir leicht risikoaffin, erhöhen aber gleichzeitig unsere Präferenz für Absicherungsmaßnahmen. Wir bleiben bei unserer Überzeugung hinsichtlich US-amerikanischer und lateinamerikanischer Aktien sowie Absicherungsmaßnahmen in den USA und Europa. Bei festverzinslichen Wertpapieren bleiben wir positiv gegenüber europäischen Investment-Grade-Anleihen eingestellt und sehen die Marktvolatilität als Chance, taktische Gelegenheiten zu nutzen.
Von Vincent Mortier, Group CIO Amundi, und Monica Defend, Head of Amundi Investment Institute.
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Quelle: Amundi. Sofern nicht anders angegeben, Stand: 29.05.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen. Herausgeber: Amundi Deutschland GmbH, Arnulfstraße 124–126, D-80636 München.
