Daten sind das Blut für den Kreislauf der Finanzmärkte. Dem operativen Geschäft von Börsenbetreibern verschaffen die Einnahmen mit Daten und Indizes eine defensive Stabilität gegenüber dem wachstumsstarken, aber volatilen Geschäft aus dem Verkauf von Wertpapieren. Die Wiener Börse erschließt sich hier mit der Mehrheit an der auf Firmendaten spezialisierten Firma North Data eine neue Einnahmequelle im Bereich außerbörslicher Daten.
Für die Wiener Börse hat sich das Geschäft mit dem Wertpapierhandel in den letzten Jahren ausgezahlt. Allein im Geschäftsjahr 2025 stiegen die Aktienumsätze gegenüber dem Vorjahr um 13,5 Prozent auf über 84 Milliarden Euro. Davon entfielen 66,6 Milliarden Euro auf den Börsenplatz Wien und 17,5 Milliarden Euro auf die Prager Börse. Der Geschäftsbereich Handel & Listing stellte damit 40,2 Prozent des Konzernumsatzes in Höhe von 90,1 Millionen Euro.
Das Datengeschäft: Wachstumschance und Stabilitätsanker
Ein Nachteil des Geschäfts mit Wertpapieren und Derivaten ist der mangelnde Einfluss auf die Umsatzentwicklung und die Abhängigkeit von Zyklen. Immer mehr Börsen haben deshalb in den letzten Jahren über Investitionen und Zukäufe Daten als neues Kerngeschäft etabliert. Dieser Wandel ist in strategischer und kommerzieller Hinsicht sinnvoll. Auch bei der wachsenden Zahl von Nachhaltigkeitsprodukten spielen Daten eine zentrale Rolle, um die von einem ESG-Investment ausgehenden Risiken zu erkennen. Darüber hinaus sind Einnahmen aus Abonnements für Datenservices deutlich besser kalkulierbar als die schwankenden Handelsumsätze.
Für die Wiener Börse ist der Ausbau des Datengeschäfts daher ein logischer Schritt, um ihre Geschäftstätigkeit weiter zu diversifizieren. Mit dem Vertrieb hochfrequenter Börsendaten aus elf Märkten und der Berechnung von über 130 Benchmarks für 13 Märkte verfügt sie über umfassende Datenkompetenz mit Schwerpunkt Zentral- und Osteuropa. Die Mehrheitsbeteiligung an North Data erweitert dieses Geschäftsfeld über den Kapitalmarkt hinaus: Das Unternehmen bündelt Informationen zu rund 100 Millionen privaten Unternehmen in 27 europäischen Ländern aus mehr als 160 öffentlichen Quellen, darunter Handelsregister und EU-Datenbanken.
Expansion per Akquisition
Vor diesem Hintergrund ist die Mitte September bekanntgegebene Mehrheitsbeteiligung von 80 Prozent am Datenspezialisten North Data für das Geschäftsfeld Marktdaten und Indizes eine Schlüsseletappe, um den Anteil von zuletzt 22 Prozent am Gesamtumsatz der Wiener Börse zu erhöhen.
Von dieser Positionierung als „One-Stop-Shop“ für Marktinformationen verspricht sich die Wiener Börse außerdem, potenzielle Ertragsentgänge besser abzufedern, die aus der zunehmenden Regulierung von Börsendaten auf EU-Ebene resultieren könnten. Mit ihrer im August 2023 eingegangenen Beteiligung an EuroCTP stärkt die Börsengruppe zugleich ihre Position entlang der Datenwertschöpfungskette. Im vergangenen Sommer erhielt EuroCTP von der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) den Zuschlag für den Betrieb des ersten EU-weiten konsolidierten Datentickers für Aktien und ETFs. Seit Mitte September ist das Datenband in Betrieb und bündelt Daten aus 130 Quellen in der gesamten EU in Echtzeit.
Im Fokus: Neue Kundengruppen
Christoph Boschan, der Vorstandsvorsitzende, begreift das Datengeschäft als Wachstumsmarkt: „North Data hat sich als führende Suchmaschine für europäische Unternehmensinformationen etabliert. Das Unternehmen macht – mit einem sehr profitablen Geschäftsmodell – komplexe Unternehmensdaten einfach zugänglich.“ Die künftigen Ziele steckt er klar ab: „Gemeinsam stärken wir die Transparenz auch über börsliche Marktdaten hinaus. Mit dieser Investition stellt sich die Wiener Börse strategisch breiter auf und diversifiziert ihre Einnahmequellen entlang ihrer Kernkompetenzen.“
Auf die Daten von North Data greifen unter anderem Compliance-Abteilungen von Unternehmen, Kreditprüfer, Behörden, Versicherungen sowie Medien und investigative Journalisten zurück. Das Geschäftsmodell von North Data ist dreistufig: Basisdaten sind in der Regel frei, die erweiterte Suche und Dossiers dann kostenpflichtig. Hinzu kommen Schnittstellenzugriffe für Unternehmen und Behörden.
Daten und Indizes – ein globaler Börsentrend
Die Wiener Börse beschreitet damit den Weg, den andere Börsenanbieter ebenfalls eingeschlagen haben. So hat die Deutsche Börse eine ESG-Version des DAX aufgelegt und will zu einem führenden globalen Anbieter von ESG-Daten werden. Eine wichtige Rolle spielte dabei die 81-prozentige Beteiligung am US-Aktionärsberater Institutional Shareholder Services für rund 1,5 Milliarden Euro. Der nächste Schritt war 2023 die Übernahme der dänischen Finanzsoftwarefirma SimCorp für 3,9 Milliarden Euro, das Ganze finanziert aus Barmitteln und Krediten. Gleichzeitig wurde die Daten- und Analytik-Tochter Qontigo mit dem Stimmrechtsberater ISS fusioniert. Mit Hilfe dieser strategischen Zukäufe hat die Deutsche Börse den Anteil an wiederkehrenden Einnahmen auf zuletzt 62 Prozent gesteigert. Der Anteil des Geschäftsfelds Indizes und Marktdaten lag dagegen 2025 mit 21,1 Prozent in etwa auf dem Niveau der Wiener Börse.
Einen Schritt weiter ist hier der London Stock Exchange als europaweit größter Handelsplatz: 43,3 Prozent der umgerechnet elf Milliarden Euro Jahresumsatz kamen im Geschäftsjahr 2025 aus dem Geschäftsfeld Börseninformationen und Datenanalyse. Eine Schlüsselrolle für diese Entwicklung spielte die Übernahme von Refinitiv im Jahr 2021: 27 Milliarden US-Dollar legte die Londoner Börse für den Datenanbieter aus den USA auf den Tisch. In dieselbe Richtung hat sich auch die US-Technologiebörse Nasdaq Inc. entwickelt. Der Verkauf von Daten und Marktindizes stand 2025 für 25,9 Prozent der 5,25 Milliarden US-Dollar Konzernumsatz. Weitere 22,4 Prozent entfielen auf den Verkauf von Marktsoftware.
North Data als weiterer Katalysator für regionale Exzellenz
Vom Jahresumsatz spielen die Börse London wie auch die Euronext mit elf beziehungsweise 1,8 Milliarden Euro in einer anderen Liga als die Wiener Börse. Demgegenüber glänzt die Wiener Börse bei der Profitabilität: Mit einer operativen Vorsteuermarge von zuletzt 59,3 Prozent zählt sie zu den profitabelsten Börsenbetreibern überhaupt – besser als Euronext (51,8 Prozent) und deutlich vor der London Stock Exchange (21,1 Prozent).
Die strategische Ausrichtung hat die Wiener Börse also klar abgesteckt: Internationalisierung und Diversifizierung. Davon zeugt auch das stark wachsende Anleihen-Geschäft: Wurden 2020 Anleihe-Listings von 191 Emittenten aus 17 Ländern aufgenommen, waren es 2025 682 neue Emittenten aus 43 Nationen. Insgesamt werden von der Wiener Börse aktuell rund 1.600 Anleihe-Emittenten aus 57 Ländern betreut.
Mit Blick auf den österreichischen Aktienmarkt gibt es ebenfalls Weltmarktführer in ihren Nischen wie der Kranhersteller Palfinger, das Feuerwehrtechnikunternehmen Rosenbauer oder die auf Kommunikationssysteme für sicherheitskritische Anwendungen spezialisierte Frequentis. Ähnlich wie das Partnernetzwerk der Wiener Börse sind auch zahlreiche ATX-Unternehmen eng mit Zentral- und Osteuropa verflochten. „Viele Unternehmen, die in Wien gelistet sind, haben eine starke Positionierung in dieser Region, insbesondere die Zugpferde aus dem Leitindex ATX wie Banken und Versicherungen“, erläutert Vorstandschef Boschan. Aus diesem Grund wird der ATX oft als „Proxy-Investment“ über einen entwickelten Markt mit höchsten Standards in die CEE-Region wahrgenommen, wo die Wachstumsraten deutlich höher sind als in der restlichen Eurozone.
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