In jungen Jahren zu sparen, um die später die staatliche Rente – und im besten Fall die betriebliche Rente – aufzustocken, erscheint vielen sinnvoll, wenn nicht sogar zwingend. Aber wie lässt sich das sinnvoll gestalten? Wer mehr als eine statische Vermögensallokation möchte, sollte über Lebenszyklusmodelle nachdenken. Ein Gleitpfad, also die schrittweise Veränderung der Anlagestrategie über Zeit, kann dabei helfen, das Portfolio immer neu an der jeweiligen Lebensphase auszurichten, während der Ruhestand näher rückt. Dabei ist die Gestaltung eines effektiven Gleitpfads nicht einfach eine Frage der Risikominderung mit zunehmendem Alter. Sie erfordert einen langfristigen Blick die Entwicklung von Beiträgen, Gehaltswachstum, Zeithorizont, Altersvorsorgebedarf und Risikotragfähigkeit. Und das über das gesamte Erwerbsleben einer Person. Außerdem muss sie praktische Realitäten berücksichtigen, darunter Verhalten, regulatorische Rahmenbedingungen, Dynamiken in der Vergleichsgruppe und Altersvorsorgeziele.
Risikominderung ist entscheidend
Vorneweg: Warum ist Risikominderung ein so wesentlicher Bestandteil der Lebenszyklus-Modelle? Reicht bei einer langfristigen Strategie nicht ein stabiler Mix aus risikoreichen und defensiven Anlagen? Bei der Altersvorsorge passt das nach unserer Einschätzung nicht: Das Vermögen wird schrittweise durch Einzahlungen aufgebaut, während die Zeit, um Verluste auszugleichen, mit dem Näherrücken des Ruhestands immer kürzer wird. Risikominderung ist also eine rationale Reaktion auf die unterschiedlichen Phasen auf dem Weg in den Ruhestand. Dabei sind drei Faktoren für die Entwicklung von passgenauen Gleitpfaden entscheidend: Human Capital, die zunehmende Risikoaversion und das Sequenzierungsrisiko.
Die Erstellung selbst folgt dann vier Schritten:
Bewertung des Kontexts und der Rahmenbedingungen
Festlegung von Lebenszyklusannahmen und -zielen
Optimierung des Allokationspfads
Überprüfung der Ergebnisse in verschiedenen Szenarien
Das Verständnis des Kontexts und des Ökosystems, in dem eine Altersvorsorgelösung funktioniert, ist ein entscheidender erster Schritt, um sicherzustellen, dass die spezifischen Merkmale jedes Marktes widerspiegelt werden. Ausgangspunkt ist die Beurteilung, ob der Gleitpfad in erster Linie regulierungsorientiert, benchmarkorientiert oder zielorientiert ist – oder eine Kombination aus allen dreien. Auffallend ist, dass Gleitpfade durch länderspezifische Ausprägungen und regulatorische Vorgaben unterschiedlich aufgesetzt werden.
Festlegung von Lebenszyklusannahmen und Zielen
Zu den wichtigsten Parametern, die die Gestaltung beeinflussen, gehören Beitragssätze, Gehaltswachstum, Renteneintrittsalter, Lebenserwartung und Risikotoleranz. Diese können auf Bevölkerungsdurchschnitten oder segmentierten Annahmen für verschiedene Gruppen basieren. In der Regel wird für die Gestaltung ein repräsentatives Profil definiert, das das Durchschnittsgehalt, das Beitragsverhalten und die typischen Ziele der Zielgruppe widerspiegelt. An dieser Stelle sollten auch die zur Erfolgsmessung verwendeten Leistungskennzahlen (KPIs) – wie die Einkommensersatzquote, die Höhe des Altersguthabens oder die Nachhaltigkeit der Entnahmen – festgelegt werden, da sie das Ziel des Optimierungsprozesses direkt beeinflussen. Die wichtigsten Parameter sind aber immer das Human Capital und die Risikoeinschätzung. Jemand mit einer langen, stabilen Karriere kann in der Regel länger in Wachstumsanlagen investiert bleiben, während eine Person mit unregelmäßiger Beitragsgeschichte – beispielsweise aufgrund von Karriereunterbrechungen oder vorzeitigem Ruhestand – möglicherweise früher mit der Risikominderung beginnen muss. Wichtig an diesem Punkt ist die schrittweise Optimierung über mehrstufige Modelle, die die individuellen Parameter berücksichtigen und bewerten.
Die Lösung sollte anhand von Referenzstrategien – wie beispielsweise einer Allokation mit konstantem Mix oder einer einfachen risikofreien Anlage – verglichen werden, um zu beurteilen, ob der Gleitpfad im Vergleich zu den Entscheidungen, die eine Person andernfalls treffen könnte, tatsächlich einen Mehrwert bietet und auch Stresstests aushält. Das ultimative Ziel dieser Testphase ist es, sicherzustellen, dass der Gleitpfad nicht nur theoretisch optimal für eine einzelne Referenzpersönlichkeit ist, sondern tatsächlich passend und robust für die gesamte Bandbreite der Personen, für die er konzipiert wurde. Wo er zu kurz greift, muss die Lösung möglicherweise verfeinert, segmentiert oder durch eine separate Anlageoption ergänzt werden.
Personalisierung verändert die Altersvorsorge
Aber es ist jetzt schon klar abzusehen, dass die weitere Personalisierung zu einem prägenden Merkmal der modernen Altersvorsorge wird. Personen gleichen Alters können sehr unterschiedliche Sparmuster, Einkommensverläufe, Zeithorizonte für den Ruhestand und Risikofähigkeiten aufweisen. Eine einzige Standardeinstellung ist zwangsläufig nicht für alle gleich geeignet. Herkömmliche Zielfonds und andere altersbasierte Standardwerte wenden oft weitgehend ähnliche Gleitpfade auf unterschiedliche Anlegertypen an. Fortgeschrittenere Modelle können Einkommen, Beitragsverhalten, Lebenserwartung und Risikotoleranz einbeziehen, doch selbst diese erfassen die Bedürfnisse bestimmter Gruppen möglicherweise nicht vollständig.
Einsatz von KI zur Ermittlung gemeinsamer Bedürfnisse in großem Maßstab
Die Herausforderung besteht also darin, eine höhere Relevanz in großem Maßstab zu erzielen, ohne auf vollständig maßgeschneiderte Portfolios umzusteigen. Die Massenpersonalisierung löst dies durch Daten, Segmentierung und Technologie. Das Ziel großer Altersvorsorgesysteme ist das Erkennen gemeinsamer Muster in sehr großen Bevölkerungsgruppen. Durch die Analyse großer Datensätze kann KI dabei helfen, Cluster, Verhaltensweisen und Ergebnisse zu identifizieren, die mit traditionellen Segmentierungsmethoden möglicherweise nicht sichtbar sind. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zur Entwicklung eines skalierbaren,massenpersonalisierten Altersvorsorgeangebots, das auch neue Anlageklassen wie Private Assets miteinbezieht.
Gesamt gesehen ist die Gestaltung eines Gleitpfads sehr komplex und muss immer dem Ziel der Passgenauigkeit folgen: Passgenau innerhalb des Altersvorsorge-Ökosystems, zur Zielgruppe und zum angestrebten Ergebnis. Die Herausforderung besteht darin, klar zu konzipieren, diszipliniert umzusetzen und zielgerichtet zu überarbeiten, da sich individuelle Bedürfnisse, Vorschriften, Daten und Anlagemöglichkeiten ständig weiterentwickeln.
Quelleninformationen und weitere Angaben finden Sie im Working Paper sowie im Amundi Research Center.
Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von dem Amundi Asset Management SAS und sind Stand 9. Juni 2026 (Veröffentlichung des Researchs). Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung des Amundi Asset Managements. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte des Amundi Asset Managements zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.
